Wir haben mit Michael Vollmann, Mitgründer von nebenan.de und Geschäftsführer der nebenan.de-Stiftung, über die nachbarschaftliche Unterstützung auf nebenan.de in Zeiten der Corona-Krise gesprochen.
Schon früh, als das Corona-Virus in den Medien und in den Köpfen noch nicht so prominent war, haben sich die Menschen auf nebenan.de gegenseitig Hilfe angeboten. Wie habt ihr darauf reagiert?
Wir haben schnell gemerkt, dass das Thema in den Nachbarschaften sehr präsent war. Um dieses Engagement zu unterstützen, haben wir relativ schnell Aushänge zur Nachbarschaftshilfe erstellt und zum Download angeboten. So konnten die Nachbar*innen ihr Hilfsangebot auch denjenigen zugänglich machen, die online nicht so aktiv sind. Auf der Plattform haben wir darauf hingewiesen, dass man helfen kann, wie und wo man helfen kann und was man beachten muss. Das waren unsere ersten Schritte.
Wieviele Menschen haben auf nebenan.de nach Unterstützung gesucht?
Wir haben schnell festgestellt, dass wir sehr viele hilfsbereite Nachbar*innen haben, die ihre Hilfe anbieten, aber viel weniger, die Hilfe suchen. Die Hilfegesuche funktionierten einfach nicht so strukturiert, wie es eigentlich notwendig gewesen wäre. Es gab immer wieder private einzelne Nachrichten mit Hilfsangeboten, diese rutschten dann aber schnell wieder nach unten und gerieten damit in Vergessenheit. Dass es auf nebenan.de so wenig Menschen gibt, die Unterstützung suchen, liegt sicher auch daran, dass sich viele gar nicht trauen öffentlich auf der Plattform nach Hilfe zu fragen. Ein weiterer Grund ist, dass diejenigen die Hilfe benötigen, eher die älteren Menschen, meist weniger Technik-affin sind, sodass sie von diesen Hilfsangeboten auf der Plattform nichts bemerken.
Coronahilfe von nebenan
Darauf habt ihr reagiert und nebenan.de/corona ins Leben gerufen. Wie funktioniert das genau?
Wir haben die Hotline 0800-866 55 44 eingerichtet. Damit haben wir eine Schnittstelle geschaffen, die völlig offline, analog und anonym funktioniert. Um die Unterstützung zu erhalten, müssen diejenigen nur noch von dieser Telefonnummer erfahren. Wenn ich diese Hotline dann anrufe, gebe ich zuerst meine Postleitzahl ein. Diese wird von einem Sprachcomputer abgefragt und dieser navigiert mich auch. Wenn jemand mit der automatisierten Telefoneingabe Probleme hat, wird die Person in ein Call-Center durchgestellt. Entsprechend der Hilfsleistung, die ich suche, drücke ich dann entsprechend die „1“ für Einkaufshilfe, die „2“ für Gassi gehen und die „3“ für Hilfe im Haushalt usw.. Damit mich die Helfer*innen auch wirklich erreichen können, muss ich zustimmen, dass meine Telefonnummer an die Helfer weitergeleitet wird. Das anonymisierte Hilfegesuch wird dann in den lokalen Nachbarschaften (anhand der eingegebenen Postleitzahl) auf nebenan.de/corona ausgespielt.
Angenommen ich bin auf nebenan.de registriert. Ich bin dort adress-verifiziert und, wie alle anderen, mit meinem Klarnamen in meiner Nachbarschaft aktiv – dazu gehören vor allem die Straßen in meiner Umgebung. Wie kann ich nun dieser hilfsbedürftigen Person helfen?
Als registrierter und adress-verifizierter Nutzer kann ich sehen, dass in meinem Postleitzahlen-Gebiet jemand z.B. eine Einkaufshilfe sucht. Ich sehe aber noch keinen Namen, keine Adresse und keine Telefonnummer. Ich klicke dann darauf und gebe damit an, dass ich helfen möchte. Dann bekomme ich per E-Mail die Telefonnummer dieser Person zugeschickt. Um diejenige Person dann wirklich zu unterstützen, rufe ich die Telefonnummer an und kläre die Einzelheiten im direkten Gespräch. Insgesamt haben wir dadurch schon weit über 5.000 Hilfegesuche vermittelt.
Ist das Hilfsangebot sicher?
Wie kann die Person sicher sein, dass das Hilfsangebot seriös ist?
Zum einen erhalten nur drei Personen diese Telefonnummer. Danach wird die Telefonnummer nicht mehr angezeigt. Damit schaffen wir einen vertrauensvollen Rahmen. Die drei Helfer können sich dann gemeinsam koordinieren. Darüber hinaus wird transparent gemacht, wer diese Nachbar*innen, die ihre Hilfe anbieten, sind. Dadurch, dass sie adress-verifiziert und mit Klarnamen angegeben sind, schützen wir vor Missbrauch.
Was macht ihr mit Hilfesuchenden, die sich über die Hotline melden und ihr nicht vermitteln könnt?
Wir haben das Ganze so gestaltet, dass es durch eine Schnittstelle anschlussfähig zu anderen Hilfsvermittlungs-Plattformen wird. So haben wir die Hotline von gemeinschaft.online mit eingebunden und wir verweisen auch auf das Seniorentelefon des Silbernetz e.V. und die Telefonseelsorge der Diakonie Deutschland.
Was hast du persönlich aus dieser Situation gelernt?
Ich finde es gar nicht so schlecht, dass die Gesellschaft jetzt einen Digitalisierungs-Schub erfährt. Jetzt müssen alle (von Schulen bis zu Behörden) von heute auf morgen digital arbeiten können. Viele müssen da auch schmerzhaft aufholen, das wird uns aber auch nach der Krise nützlich sein. Bisher war Digitalisierung für viele ein künstlicher Zusatz, ohne den es ja auch gut funktioniert hat. Jetzt zeigt sich, es macht uns als Gesellschaft resilienter, wenn wir uns auch online organisieren können. Dadurch, dass wir im Notfall auch auf Basis digitaler Vernetzung funktionieren können. Wie wichtig das ist, das war mir in letzter Konsequenz auch nicht so klar. Ich hoffe dennoch, dass wir bald wieder aus dem Kontaktverbot herauskommen, weil es Gift für uns Menschen individuell und auch für uns als Gesellschaft nicht gesund ist.
Engagiert in der Coronazeit | Nachbarschaft & Hilfe
Aktualisiert: 20.04.2020 | Foto: René Tauschke


