Eine gemeinsame Stimme der engagierten Zivilgesellschaft zur Digitalisierung – das ist das Ziel des Projekts Forum Digitalisierung und Engagement vom Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE). Darüber hinaus soll es zur Diskussion anregen. Welche digitalen Kompetenzen sind wichtig? Wie bringt man Digitalisierung und Demokratieentwicklungen in Einklang?
Am 23. April sollte die Auftaktveranstaltung im bUm – Raum für die engagierte Zivilgesellschaft in Berlin stattfinden. Nun ist alles ein wenig anders. Der Leiter des Projekts, Dr. Serge Embacher, erzählt uns im Interview mehr über das neue Format der Auftaktveranstaltung, Ziele und Herausforderungen.
Im November letzten Jahres ist das Forum Digitalisierung und Engagement gestartet. Wie genau kann ich daran teilnehmen?
Die einfachste Art teilzunehmen ist über die Online-Partizipationsplattform forum-digitalisierung.de. Da sind alle Themen, die in dem zweijährigen Forum diskutiert werden sollen, zu finden und jeder kann sich unmittelbar beteiligen.
Was kann ich vom Projekt erwarten?
Insgesamt ist das Forum eine Reihe von Veranstaltungen – eine virtuelle Online-Konferenz Mitte Juni. Danach folgen noch weitere Veranstaltungen, die für jeden zugänglich sind.
Am 23. April sollte die Auftaktveranstaltung im bUm in Berlin stattfinden. Durch Corona musste sich das Projekt nun selbst noch einmal digital wandeln. Darüber hinaus spielt Digitalisierung im Allgemeinen auf einmal eine größere Rolle. War das jetzt eher Fluch oder eher Segen?
Das war schon eher Fluch (lacht). Für die physische Veranstaltung war schon alles vorbereitet. Mit den Corona-Maßnahmen haben wir den Start verschoben und ein virtuelles Format entwickelt. Wir haben die Veranstaltung auf fünf Tage aufgeteilt – von Montag, dem 15. Juni bis Freitag, den 19. Juni 2020. Jeweils zwei Stunden und thematisch gegliedert. Jeder der interessiert ist, kann sich dazu schalten und mitdiskutieren. Uns ist schnell aufgefallen, dass das auch ein Teil des digitalen Wandels ist, den wir gerade selbst durchlaufen. Für uns ist das lehrreich und hilfreich. Wir mussten jetzt als Projekt, das den digitalen Wandel und gemeinnützige Organisationen behandelt, als BBE den digitalen Wandel unmittelbar vollziehen.
Wieviel Aufwand steckt dahinter?
Der Aufwand für eine analoge Konferenz ist ja schon beträchtlich: Anmeldemanagement, Hotel, Anreisen, Catering, diese ganzen physischen Dinge… die fallen jetzt alle weg. Die virtuelle Konferenz muss auf ganz andere Weise vorbereitet und untergliedert werden. Die Beitragenden und die Moderation müssen ganz anders gebrieft werden. In diesen Bildschirmformaten muss man viel proaktiver, gewinnender und werbender auftreten. Es braucht eine neue Dramaturgie und ein neues Konzept mit den Beteiligten. Das ist schon aufwändig. Es ist aber ein ganz anderer Aufwand – eher ein kommunikativer.
Was hat sich durch die Krise in der Digitalisierung im Hinblick auf das Engagement verändert?
Um das abschließend zu sagen, ist es noch etwas zu früh. Was sich verändert hat, ist das Bewusstsein. Das digitale Mindset hat einen erheblichen Schub bekommen. Wir haben im Vorfeld des Projekts mit vielen Organisationen des BBE gesprochen, die die Sinnhaftigkeit der Digitalisierung noch nicht so erkannt hatten. Das Thema war nicht so richtig beliebt. Das hat sich geändert. Wir haben inzwischen die volle Aufmerksamkeit. Inzwischen hat jeder verstanden, wie zentral die Digitalisierung für die Zivilgesellschaft ist.
Welchen Beitrag leistet das Forum bestenfalls auf diesem Weg?
Wir möchten jenseits der Fragen „Wie macht man Zoom? Welche Apps brauche ich? Und welche sonstigen Tools?“ eine grundsätzliche Diskussion darüber beginnen, wie die Zivilgesellschaft in Deutschland eine Haltung zum digitalen Wandel bekommen kann. Die eine Seite ist: Wie gehe ich praktisch damit um? Die andere Seite ist: Wie stehe ich eigentlich zu den einzelnen Problemfeldern?
Um welche Problemfelder geht es da?
Wir haben vier Felder aufgemacht: Digitale Kompetenz, Organisationsentwicklung, Datenschutz und Datensicherheit, Demokratieentwicklung.
Mit welchen konkreten Fragestellungen beschäftigen Sie sich in den einzelnen Problemfeldern?
Das Themenfeld Digitale Kompetenz dreht sich um die Frage: Was muss der Einzelne wissen, um souverän im digitalen Wandel bestehen zu können? Die Organisationsentwicklung beschäftigt sich dagegen damit, wie sich gemeinnützige Organisationen selbst verändern müssen, um den Wandel gut zu gestalten. Datenschutz und Datensicherheit erklärt sich selbst und bei der Demokratieentwicklung geht es um die Frage: Wie können wir verhindern, dass das Internet und die Social Media-Welt in die Hand von Spinnern, Rechtsextremen und Verrückten fällt? Um es mal etwas dramatisch zu auszudrücken. Besonders in den letzten Tagen nehmen diese Leute mit den Verschwörungstheorie-Debatten ja einen unheimlichen Raum ein. Also geht es schlussendlich darum: Wie kann die Zivilgesellschaft mit vereinten Kräften diese kommunikativen Räume im Internet im Sinne unseres demokratischen Grundkonsenses besetzen?
Was ist das große Ziel des Projekts?
Am Ende des Forums gibt es zwei Ziele: Wir wollen ganz praktisch Forderungen und Handlungsempfehlungen erarbeiten, die wir dann an die Politik auf Bundesebene richten. Und auf der anderen Seite soll eine Stimme der Bürgergesellschaft hörbar werden. Unsere Beobachtung ist, dass in den Entscheidungsgremien auf Bundesbene, also überall wo Politik sich mit Gesellschaft an den Tisch setzt, die Zivilgesellschaft oft gar nicht vorkommt. Da redet man mit Wirtschaftsverbänden und Jurist*innen. Aber die gemeinnützigen Organisationen – von wenigen Spitzenverbänden abgesehen – kommen da nicht vor. Unsere Hoffnung ist, dass wir da wirklich hörbar werden. Die Zivilgesellschaft ist zentral für die Gestaltung des digitalen Wandels.
Mit welchem Thema tut sich das Engagement am schwersten?
Sicherlich mit der Organisationsentwicklung. Der Schritt von der Einsicht bis zur tatsächlichen Umsetzung ist schwierig. Es gibt oftmals Beharrungskräfte, Unsicherheiten, wenig strategisches Denken und gerade jetzt in der Krise einen Hyperpragmatismus. Als gemeinnützige Organisation zusammen zu überlegen, wie gehen wir mit den digitalen Tools um? Wie wollen wir diese in der Außenkommunikation nutzen? Wie wollen wir diese in den internen Abläufen nutzen? Was davon brauchen wir? Das erfordert sehr viel Energie und eine feste Vorstellung eines Vorstands beispielsweise, wo er damit hin will.
Was haben Sie persönlich aus der Arbeit in der Corona-Krise gelernt?
Ich habe gelernt, dass man auch über viele Wochen mit Leuten zusammenarbeiten kann, die man gar nicht sieht. Wir kannten zwar auch schon vorher Video- und Telefonkonferenzen, aber über den Zeitraum hinweg war das etwas Neues. Ich fand das sehr positiv.
Im BBE überlegen wir auch, das zu verstetigen. Viele Sitzungen sind schlecht besucht, weil die Teilnehmenden überlegen, ob sie dafür extra nach Berlin fahren. Mit einem Videoformat ist die Frage obsolet.
Andererseits habe ich auch lernen müssen, wie anstrengend das ist, wenn man die ganze Zeit auf den Bildschirm schaut. Ich habe den Eindruck, dass eine zweistündige Videokonferenz viel anstrengender ist, als eine zweistündige Präsenzveranstaltung. Weil man einfach keine Möglichkeit hat, dem auszuweichen. Man muss die ganze Zeit konzentriert folgen. Das ist ziemlich anstrengend. Also eine psychische Anstrengung geht damit schon einher (lacht).
Das Projekt ist auch ein Teil des digitalen Wandels, den wir gerade selbst im BBE durchlaufen. Das ist lehrreich und hilfreich.
Jenseits der Fragen Wie macht man Zoom? Welche Apps brauche ich? eine grundsätzliche Diskussion beginnen.
Zwei Ziele: Forderungen und Handlungsempfehlungen an die Politik auf Bundesebene richten. Und eine Stimme der Bürgergesellschaft soll hörbar werden.
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Aktualisiert: 24.05.2020







