Die Corona-Krise hat vieles verändert. Wie haben Sie die Entwicklungen durch Corona im Hinblick auf das Freiwilligen-Engagement erlebt?
Berlin zeichnet sich schon seit Jahren durch eine starke und vielfältige Engagement-Szene aus. Das ist eine Erkenntnis, die ich aus unseren unzähligen Artikeln über engagierte Berlinerinnen und Berliner in der Berliner Woche und im Spandauer Volksblatt gewonnen habe. Und so hat es mich zwar beeindruckt, aber nicht verwundert, wie groß die Bereitschaft vieler Menschen war, sich in dieser schwierigen Situation für andere freiwillig einzusetzen – beispielsweise in der Nachbarschaftshilfe.
Aber vor allem die Kreativität, mit der Engagierte versuchten und immer noch versuchen, unter Bedingungen wie der Vermeidung sozialer Kontakte ihre Vereinsarbeit fortzusetzen, ihrer Klientel Hilfs- und Beratungsangebote zu unterbreiten und Menschen Halt zu geben, ist bemerkenswert.
Dabei darf man ja auch nicht vergessen, dass Vereine und Institutionen der Engagement-Szene durch den Shutdown unmittelbar betroffen sind. Denn viele verloren von heute auf morgen auch Einnahmemöglichkeiten, aus denen sie ihre wichtige Arbeit für die Gemeinschaft finanzierten. Nicht wenige stellt dies vor existentielle Probleme. Die zahlreichen Spendenaufrufe, die uns derzeit erreichen, belegen das. Trotz alledem herrscht nach meiner Meinung in der Szene großer Optimismus und Tatendrang.
Inzwischen kehrt langsam wieder Normalität ein. Durch die Krise scheinen sich aber in Organisationen und Zivilgesellschaft einige Dinge zu ändern. Wenn Sie einmal einen Blick in die Zukunft werfen, was ist Ihr Eindruck: Was wird bleiben, was wird sich ändern?
Wenn wir mit Normalität den Zustand unserer Gesellschaft vor der Krise meinen, so glaube ich, dass diese Normalität wohl auf lange Sicht nicht wieder einkehren wird. Denn selbst wenn die Bedrohung für Gesundheit und Leben irgendwann vorüber sein sollte, wenn wir wieder beginnen, so zu leben und zu arbeiten „wie vor Corona“, werden uns die Folgen der Krise noch über Jahre vor große Herausforderungen stellen. Umso wichtiger – und das wissen wir aus der krisengeschüttelten Vergangenheit Berlins – wird das bürgerschaftliche Engagement sein.
Leider bin ich kein Zukunftsforscher. Aber wenn ich mir wünschen dürfte, was bleiben sollte, dann wäre das die Anerkennung, die Ehrenamt und freiwilliges Engagement derzeit in der Stadt erfahren.
Diese Anerkennung, um die wir uns als Berliner Woche und Spandauer Volksblatt seit Jahren bemühen, indem wir bürgerschaftliches Engagement sichtbar machen, ist ausschlaggebend für die Attraktivität des Ehrenamtes, sei es nun institutionell in einem Verein oder spontan und ungebunden. Je höher die Wertschätzung für die Freiwilligen ist, umso größer ist auch die Bereitschaft mitzumachen, mit anzupacken und etwas zu bewegen.
Eine andere Sicht auf die Normalität selbst
Was sich hoffentlich ändern wird, ist unsere Sicht auf die Normalität selbst. Unsicherheiten und Bedrohungen verortete die Mehrheit von uns bisher immer woanders. Dass dies trügerisch war, erleben wir gerade.
Der eine oder andere wird in den vergangenen Wochen und Monaten die Erfahrung gemacht haben, dass er aus seiner Normalität herausgerissen wurde, weil er plötzlich zu einer Risikogruppe gehört oder sich aufgrund von Kurzarbeit oder des Verlustes sämtlicher Einkommensquellen in einer prekären Situation befindet. Plötzlich selbst auf die Hilfe und Unterstützung durch andere angewiesen zu sein, ist für viele von uns ein Perspektivwechsel – aus Gebenden werden Nehmende, aus Helfern Hilfsbedürftige, aus den vermeintlich Starken werden vermeintlich Schwache.
Vielleicht ändert dies aber auch unsere Sicht auf diejenigen, die schon vor Corona unserer Hilfe bedurften oder die wir so gerne als Minderheiten bezeichneten, die in unserer Normalität keinen Platz fanden. Dieser Perspektivwechsel könnte einiges für die Entwicklung der Gesellschaft zu mehr Offenheit und Toleranz bewirken.
Leider erheben mit der „Rückkehr zur Normalität“ gerade jene wieder ihr Haupt, die zu Beginn der Krise hilf- und ideenlos dem Ganzen gegenüberstanden und nun Corona dafür nutzen, um Menschen zu verunsichern und damit ihre Politik der Ausgrenzung und Intoleranz fortsetzen. Diesen antidemokratischen Tendenzen haben schon vor Corona viele Engagierte die Stirn geboten. Dies muss auch in Zukunft so bleiben.
Größte Probleme bei jenen, die schon zuvor am Rande unserer Gesellschaft lebten
Und noch eine Erfahrung dieser Tage ist wichtig: Die Corona-Krise stellt uns vor größte Probleme gerade bei jenen, die auch schon zuvor am Rande unserer Gesellschaft lebten. Ich meine damit sowohl Menschen ohne eigenes Obdach als auch die vielen Einsamen, die unter uns leben.
Ein Konzept, das auf soziale Distanzierung fußt, kann hier nicht funktionieren, weil für die einen die soziale Nähe existentiell ist und zudem Möglichkeiten des Rückzugs fehlen und weil bei den anderen teilweise gar nicht die Voraussetzungen vorhanden sind, um soziale Kontakte im Digitalen aufzubauen und zu pflegen. Diese Gruppen traf die aktuelle Krise umso härter.
Ich glaube, aus dieser Erfahrung müssen wir für die Zukunft lernen. Sicher lassen sich hier Veränderungen nicht allein durch bürgerschaftliches Engagement herbeiführen, hier sind auch Politik und Verwaltung in der Pflicht.
Wie wirkt sich Corona auf Ihre journalistische Arbeit aus? Können Sie uns einen kleinen Einblick geben?
Zwar sind wir in erster Linie etwas Analoges, also eine gedruckte Zeitung, die mit ihren 30 Ausgaben in die Haushalte der Berlinerinnen und Berliner kommt, aber ich war zu Beginn der Krise froh, dass wir bereits alle unsere Arbeitsprozesse in der Vergangenheit digitalisiert hatten. So war es zum Schutz der Gesundheit unserer Mitarbeiter möglich, die Zeitungen dezentral an mobilen Arbeitsplätzen zu produzieren.
Natürlich stellt „Social Distancing“ Lokaljournalisten wie uns vor große Herausforderungen. Denn unsere Arbeit fußt ja gerade auf der Nähe zu den Menschen in den Berliner Kiezen.
Man trifft sich häufig vor Ort und begleitet Menschen in ihrem Alltag. Kontaktbeschränkungen sind da eher hinderlich, aber unsere Reporter und Redakteure haben bis heute unter Berücksichtigung des Schutzes der eigenen Gesundheit und der des Gesprächspartners diese Herausforderungen mit Bravour gemeistert. Und das war auch nötig. Denn in bewegten Zeiten gibt es auch immer viel zu berichten.
Und so stand für uns neben der Bürgerinformation wiederum die Sichtbarmachung von Engagement im Vordergrund. Hilfsbedürftige mussten erfahren, wo sie Hilfe finden. Die vielen Freiwilligen bedurften auch der Anerkennung und des Lobes für ihre Arbeit.
Falschmeldungen und gezielte Desinformationen
Zudem haben wir uns gefragt, was wir gegen die vielen Falschmeldungen und gezielten Desinformationen tun können, die gerade auch in der Corona-Zeit durch das Netz geistern. Gemeinsam mit unserem Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter haben wir deshalb eine Kooperation mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv gestartet.
Regelmäßig veröffentlichen wir in unseren Ausgaben sogenannte Faktenchecks von Correctiv, in denen es um die Widerlegung von Fake-News rund um Corona geht – also um Falschmeldungen wie „Mundschutz ist gefährlich“ oder „Covid-19 ist nur ein harmloser Schnupfen“.
Wir hoffen damit einen Beitrag zu leisten, dass Populisten und Verschwörungstheoretiker keine Chance haben, ihre oft gefährlichen Ansichten unwidersprochen zu verbreiten und Menschen zu verunsichern. Ich bin froh, dass unsere Partnerverlage im Bundesverband hier auf die Kompetenz der Journalistinnen und Journalisten im Recherchezentrum Correctiv zurückgreifen können.
Welche Chancen bergen die Erfahrungen in der Zeit von Corona für die Digitalisierung in Ihren Augen?
Die Landesfreiwilligenagentur und das Landesnetzwerk Bürgerengagement haben sich das Thema Digitalisierung ja schon seit geraumer Zeit auf ihre Fahnen geschrieben. In einigen Bereichen der Engagementszene gab es auch schon vor Corona gute Beispiele dafür, wie digitale Technik und Kommunikation helfen können, Ziele zu erreichen und Vorhaben umzusetzen. Die aktuelle Krise ist da eher ein Katalysator. Denn wir sind plötzlich alle gezwungen, neue Wege in der Arbeit, Organisation und Kommunikation zu suchen, da die alten versperrt sind.
Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie die aktuelle Krise vor 30 Jahren verlaufen wäre. Dieser Schub hat uns alle weit vorangebracht (das sieht man auch ganz klar hier in den Blogeinträgen der Freiwilligenbörse), und digitale Technik und Kommunikation wird uns auch künftig in unserem Tun unterstützen. Das ist sicher auch etwas, was bleibt.
Die Krise zeigt, dass durch Digitalisierung Probleme gelöst und Symptome gelindert werden können. Allein in der Kommunikation hat sie uns vieles ermöglicht und erleichtert. Aber das alles kann eines natürlich nicht ersetzen, den unmittelbaren Kontakt zu Kollegen, Freunden und Mitstreitern, den wir, glaube ich, gerade alle trotz Videokonferenz, Telefon und Chat schmerzlich vermissen.
Engagiert in der Coronazeit | Medial & Engagiert
Aktualisiert: 23.05.2020



