Wie sich die Berliner Tafel auf die Situation eingestellt hat und was das für Chancen birgt, darüber haben wir mit Sabine Werth gesprochen, Gründerin sowie Vorsitzende der Berliner Tafel e.V.. Und Maximilian Reinhold und Gregor Baumann haben dazu für ihre Dokumentationsreihe Engagiert in der Coranazeit | Heute bei - auf den Punkt festgehalten - ein kurzes Video gemacht.
Wie hat sich die Situation auf die Berliner Tafel ausgewirkt, als die Corona-Pandemie Berlin erreicht hat?
Zu Beginn – Ende Februar, Anfang März – gab es diesen Hype um die Hamsterkäufe. Da waren alle Läden leer. Auch unsere Spenden sind in der Zeit um 50 % eingebrochen. Das hielt ungefähr eine Woche an. Danach war es so, dass Restaurants, Firmen und Hotels schließen mussten und ihre Küchen bzw. Lager leer geräumt haben. So bekommen wir aktuell sehr viele Lebensmittelspenden. Diese wollen wir natürlich auch weiterreichen.
Normalerweise unterstützt die Berliner Tafel 300 soziale Einrichtungen mindestens einmal pro Woche und versorgt durch die Aktion “LAIB und SEELE” an 45 Ausgabestellen bedürftige Berliner*innen mit Lebensmitteln.
Von den 300 sozialen Einrichtungen haben inzwischen nur noch weniger als 100 offen. Es gibt also gar nicht mehr so viele Stellen, zu denen Lebensmittel gebracht werden können. Und von den 45 Ausgabestellen sind nur noch drei geöffnet. Die anderen 42 Ausgabestellen haben einerseits geschlossen, da die Ehrenamtlichen dort zur Risikogruppe gehören. Andererseits sollen damit aber auch diejenigen, die sich die Lebensmittel abholen, geschützt werden. Denn es kommt bei den Ausgabestellen immer auch zu Gruppenbildungen. Das ist eigentlich auch das Wesentliche, worum es uns geht. Die Menschen sollen sozialen Kontakt miteinander haben, miteinander einen Kaffee trinken, miteinander ins Gespräch kommen.
Das heißt, dass diese Berliner*innen jetzt nicht mehr zu den Ausgabestellen kommen können und ihr auf einem Berg von Lebensmitteln sitzen bleibt?
Wir haben jetzt tatsächlich eine unheimliche Menge an Lebensmitteln und haben nicht mehr viele, die uns diese Lebensmittel abnehmen. Uns war deshalb klar, dass wir die sozialen Einrichtungen, die noch offen haben, besonders gut unterstützen müssen und zum anderen einen Lösung finden, wie die Menschen mit Haushalten noch an Lebensmittel kommen können. Denn das sind erfahrungsgemäß diejenigen, die nicht hamstern können, weil es ihnen finanziell nicht so gut geht.
Wie habt ihr die Situation gelöst?
Wir haben uns einen Lieferservice aufgebaut. Mit den Kirchengemeinden, in denen die Ausgaben sonst sind, haben wir ausgemacht, dass dort jemand am Telefon sitzt und Namen, Adresse u.s.w. von denen aufnimmt, die einmal die Woche beliefert werden wollen. Dann organisieren wir an vier Tagen in der Woche zusammen mit den Rebel Ridern – der Fahrradgruppe von Extinction Rebellion –, die wiederum von dem Projekt „Flotte“ des ADFC mit Lastenrädern unterstützt, einen Lieferservice. Die Rebel Rider fahren also mit den Lastenfahrrädern die Familien bzw. Personen direkt an, die sich bei uns gemeldet haben. Die Voraussetzung für die Belieferung ist, dass diejenigen Personen entweder alleinerziehend oder Familien mit mindestens zwei Kindern oder 60plus sind. Außerdem fahren die Ehrenamtlichen der Ausgabestellen zum Teil selbst die Tüten aus oder geben Lebensmitteltüten in den Ausgabestellen direkt an einzelne Menschen.
Ohne großen Aufruf haben sich
über 1400 Freiwillige bei uns gemeldet
Normalerweise erreicht ihr mit dem Projekt „LAIB und SEELE“ pro Monat 50.000 bedürftige Berliner*innen. Wieviele dieser Menschen könnt ihr damit beliefern?
Am 31. März haben wir offiziell mit dem Lieferservice angefangen und wir werden am 20. April den 10.000sten Beutel verteilen. Wir werden also noch sehen, wie wir das weiter bewerkstelligen. Um alles zu schaffen, bekommen wir aber auch Unterstützung: Ohne, dass wir dazu großartig aufgerufen haben, haben sich über 1400 Freiwillige bei uns gemeldet. Es kommen jeden Tag 30-50 Leute, die die Lebensmittel sortieren, die Tüten packen und uns helfen, wo sie nur können. Darüber hinaus hilft uns das THW in Form eines Lkws, eines Sprinters und mit vier Mitarbeitern. Das ist eine tolle Unterstützung.
Inwiefern hat sich die Arbeit der Berliner Tafel in den internen Prozessen geändert?
Die Berliner Tafel hat sich durch die Situation komplett geändert. Wir fahren eine völlig andere Logistik. Sonst sind wir mit 16 bis 18 Sprintern im Einsatz. Aktuell sind es 26 Sprinter – teilweise gespendet, teilweise gemietet. Die sind den ganzen Tag unterwegs und sammeln Lebensmittel ein. Dazu ist ein Teil des Teams aus Sicherheitsgründen im Home-Office. Zum Teil, weil es sich um Risikogruppen handelt, aber auch dafür, dass, wenn ein Teil des Teams ausfällt, der andere Teil des Teams noch fit ist.
Wie lange habt ihr gebraucht, um auf die Herausforderungen und Bedürfnisse zu reagieren und die Organisation sowie Kommunikation neu einzurichten?
Seit Ende März haben wir das Gefühl, jetzt läuft es rund. Vieles kann immer verbessert werden, es gibt auch immer wieder Herausforderungen. Wir haben anderthalb Wochen gebraucht, um einigermaßen in den Fluss zu kommen und jetzt haben wir wirklich das Gefühl es läuft.
Was hast du aus der Situation gelernt? Was nimmst du dir für die Zukunft aus dieser Zeit mit?
Wir haben gelernt, dass in jeder Katastrophe eine Chance liegt. Wir sehen zum Beispiel, dass wir viel emissionsfreier arbeiten – dadurch, dass die Fahrräder das Essen zum Teil verteilen. Wir überlegen natürlich, was wir von diesen neuen Impulsen für die Zukunft mitnehmen können. Wir haben uns teilweise auch völlig neu aufgestellt. Das Team arbeitet unheimlich konsequent miteinander, was es so in dieser Form auch noch nicht gegeben hat. Jeder Bereich hatte mehr oder weniger für sich gearbeitet und wir hatten das Gefühl, die interne Kommunikation klappt noch nicht so gut. Jetzt reden wirklich alle miteinander und da geht auch wenig verloren. Das ist ein unheimlich produktives und konstruktives Miteinander. Das wollen wir auch retten. Ich hoffe natürlich, dass die Zeit bald vorbei ist. Aber es ist schön zu sehen, wie ein Zahnrad in das andere greift.
Engagiert in der Coronazeit | Gut & Umgestellt
Foto: Gregor Baumann | Aktualisiert: 16.04.2020
